„Moral Dilemma – Der Westen und die Autokraten“

Iim Oktober dieses Jahres erschien das neue Buch „Moral Dilemma – Der Westen und die Autokraten“ des Eilendorfers Stephan Kaußen. Wir sprachen mit dem promovierten Journalisten, Hochschuldozenten und Moderator über sein neuestes Werk.
Eilendorf aktuell: Stephan, was ist die Kernaussage Deines neuen Buches?
Kaußen: Unser größter Fehler der letzten Jahre ist zu glauben, der Rest der Welt müßte doch so denken und ticken wie wir. Das stimmt einfach nicht. Obwohl vor drei Jahrzehnten die Mauer in Berlin fiel und es überall Grund zur Hoffnung auf weltweite Verbesserungen gab. Die Mehrzahl der Staaten und Menschen entwickelt sich nicht hin zur Demokratie und Freiheit, sondern von ihr weg.
EA: Konkret?
Kaußen: Der „Politische Westen“ umfasst nur rund eine Milliarde Menschen – von acht! Über diese Größenordnung redet keiner. Nicht die Politik und auch nicht die Medien. Trotzdem meinen wir als Westen immer jedem vorschreiben zu müssen, wie man zu leben und handeln habe. Die Wahrheit ist: Viel mehr Staaten und Milliarden Menschen ticken noch wesentlich konservativer, traditioneller und auch autoritärer als wir. Das ist zur entscheidenden globalen Spaltung geworden.
EA: Besteht Hoffnung auf Umkehr?
Kaußen: Ich fürchte aktuell kaum. Im Gegenteil: Wenn 2024 der Trumpismus in den USA zurückkehrt, ist selbst der Westen nicht mehr ‚eine Denkwelt‘. Bisher waren die Orbans und Johnsons ja die Minderheit bei uns. Hinzu kommt der Faktor China: Weite Teile Asiens und Afrikas sehen in der Kooperation mit China ihre Zukunft, nicht mehr mit uns…
EA: Bedeutet?
Kaußen: Wir müssen kleinere Brötchen backen, wirtschaftlich und moralisch. Wenn wir zum Beispiel weiter einen Boykott der Fußball-WM in Katar fordern, liefert der Nahe Osten sein Öl und Gas eben woanders hin. Dorthin, wo ihnen keiner Vorwürfe macht. Das ist das MORAL DILEMMA unserer Zeit. Wir brauchen als Westen mehr Realpolitik gegenüber den Autokraten, weniger Moralpolitik.
EA: Das klingt düster!

Kaußen: Ja, leider. Aber China könnte von heute auf morgen noch viel mehr Lieferketten abschneiden, von denen unser Wohlstand komplett abhängt. Ob Technolgie- oder auch Basisgüter aller Art. Mikrochips, medizinische Grundstoffe, seltene Erden und selbst die bei uns zur Energiewende nötigen Windräder und Solarmodule etc. Wir haben uns ja auf so vielen Feldern total abhängig gemacht. Natürlich würden gekappte Handelsketten auch dort Schäden anrichten, aber viel kleinere als bei uns. Wir brauchen die ‚Rohstoffe’ der Welt viel mehr als die Welt uns. Das ist erschreckend, aber vielleicht die kommende Realität.
EA: Lieber Stephan, vielen Dank für das Gespräch.